Entschuldigungszettel

1. März 2009

Oh je, jetzt hab ich hier schon so lange pausiert und mir fällt gar keine Entschuldigung ein… vielleicht sollte ich mich von den Entschuldigungszetteln der Eltern meiner Schüler inspirieren lassen ?

Hier ein durchaus typisches Exemplar:

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Heute gab es Halbjahreszeugnisse in Berlin und so auch bei uns… In der 8.Klasse entscheidet sich an der Hauptschule, ob Schüler ab der 9. Klasse auf den Mittleren Schulabschluss (früher: Realschulabschluss) vorbereitet werden können – nämlich wenn sie keine unentschuldigten Fehlzeiten und einen Zensurendurchschnitt von 3,0 und besser und keine Ausfallnoten (5 oder 6) in den Fächern Mathe, Deutsch und Englisch aufweisen – oder ob sie den Hauptschulabschluss anvisieren sollten.

Einige fleißige Mädchen meiner Klasse, die auf liebenswerte Weise ihre Konkurrenz um das beste Zeugnis ausleben,  fingen dann auch gleich an zu rechnen und freuten sich über ihre teilweise unter der Quote liegenden Durchschnitte… Es war wirklich interessant zu beobachten, wie einige sich an diese Zensuren klammern, obgleich wir immer wieder auch darauf hinweisen, dass es letztlich weniger auf die Noten als auf ihre Fähigkeiten und anwendungsbereites Wissen ankommt.

Für den Mittleren Schulabschluss werden in Berlin an allen Schultypen die gleichen schriftlichen Prüfungen abgelegt und ich habe schon Kurse auf die Deutschprüfung vorbereitet, was an der Hauptschule generell sehr schwierig ist. Der Deutschunterricht an der Hauptschule in meinem Stadtbezirk ist in erster Linie ein “Deutsch – als -Zweitsprache” -Lehrgang, in welchem wir grundlegende Fertigkeiten im Lesen, Schreiben und Verstehen von Texten zu vermitteln versuchen. In meiner Klasse gibt es keinen einzigen Schüler, der Deutsch als Muttersprache spricht. Obgleich die meisten Schüler in Deutschland geboren wurden, werden sie nicht zweisprachig erzogen, weil die Eltern oft nichts oder nur das Nötigste im Deutschen beherrschen. Die erste Berührung mit der deutschen Sprache erfolgt somit in der Vorschule oder im Kindergarten. Leider beherrschen die Schüler aber ihre Muttersprache auch nur rudimentär, d.h. oft nur umgangssprachlich und mündlich, d.h. es können keine Transferleistungen vom z.B. arabischen auf den deutschen Spracherwerb erfolgen. Die Grammatik der Herkunftssprache wurde nie strukturell angegangen und der Wortschatz beschränkt sich im Allgemeinen auf die alltägliche Umgangssprache in der Familie. Die wenigsten meiner Schüler können ihre Mutttersprache lesen oder schreiben. Im Deutschen beherrschen sie weder die korrekte Syntax noch verfügen sie über einen hochsprachlichen Wortschatz.

So. Wie soll denn das Fach Deutsch mit seinen miteinander verwobenen Teilbereichen unterrichtet werden? Das frage ich mich seit Jahren… Wir arbeiten generell mit sog. entlasteten Texten, sowohl im Deutsch-, als auch im Fachunterricht, d.h. Fachtexte werden so vereinfacht, dass die Grundgedanken auch von unseren Schülern erfasst werden können. Ein ganz normaler Zeitungstext, sagen wir aus dem Tagesspiegel, wie er in einer Deutschprüfung im Fokus steht, ist eine sprachliche und kulturelle Überforderung für diese Schüler. Dies ist nicht nur ein Sprachproblem. Wenn man einen Text verstehen will, müssen sich Verknüpfungen im Gehirn aktivieren, die bereits vorhandenes Wissen netzartig verbinden  – so ähnlich stelle ich es mir jedenfalls vor. Dies erlebe ich wirklich selten, d.h. bei Fragen zu einem Text, in welchem es z.B. um Gebirgsbildung geht (Erdkunde), habe ich das Problem, dass die Schüler nach dem Lesen nur sehr wenige Informationen aus dem Text wiedergeben können, da sie z.B. Begriffe wie Gebirge, Gebirgskette o.ä. nicht verstehen. Der Weg vom “Berg” (=bekannter Begriff) und “Kette” (=bekannter Begriff) zum “mehrere Berge in Folge” ist verschlossen… aber ich schweife ab!

Seitdem ich diese Problematik und damit meine Versuche, wie man hier mit Deutsch- oder überhaupt mit Unterricht ansetzen kann, verfolge, um überhaupt einen Fuß in die Türen meiner Schüler zu bekommen bzw. eben nicht nur Ersatzmutti, einzige Berührung mit “Originaldeutsch”, Sozialtante und offenes Ohr, sondern mal ganz einfach Lehrerin, bei der du was lernst, zu sein, stelle ich mir genau diese Frage: Wo kann ich ansetzen?

Jugendliche, die nie als Kleinkind eine Gutenachtgeschichte vorgelesen bekommen haben, geschweige denn eigene Kinderbücher hatten, die Familienleben zwar als gemeinsames Essen und Feiern, nicht aber mal durch einen Ausflug in den Zoo, ins Theater, an die Ostsee, in den Wald o.ä. erleben und folglich Literatur, klassische Musik, Naturerlebnisse und Theater ganz im Ernst als etwas bezeichnen, für das sich nur deutsche Rentner interessieren können – ohne dass sie genau wissen, was ihnen da eigentlich entgeht, die nicht wissen, dass Urlaub eigentlich nicht unbedingt bedeutet, die Familienangehörigen im Herkunftsland der Großeltern zu besuchen und dass das Leben soviel mehr bietet als ein schickes Handy und den neuesten BMW, wie soll man mit diesen Schülern Geschichten lesen, in denen eine Wirklichkeit im Mittelpunkt steht, die Welten von ihrer eigenen Realität entfernt zu sein scheint? Schwierig.

Leider gibt es auch kaum Begegnungen mit Jugendlichen, die ganz normal anders aufwachsen, so dass unsere Neuköllner Schüler z.B. bei einer Kursfahrt nach Weimar ganz verwundert Sätze sagten wie diese: ” Wieso gibt es hier nur alte Leute?” – “Sind die hier alle deutsch?” – “Hier ist es so komisch sauber!” – “Nur ein Imbiss, was essen denn die Menschen hier?” Wenn wir mit der Klasse in Berlin unterwegs sind, gibt es immer wieder ungläubiges Staunen, dass das auch Berlin ist, z.B. unternahmen wir zum Thema Wasser mehrere Ausflüge, u.a. in das alte Wasserwerk in Friedrichshagen, ein technisches Denkmal mit Museum. Den Weg dahin legten wir teilweise mit der Tram zurück. Es kamen immer wieder Fragen wie “Und das ist wirklich Berlin?”, “Sind wir jetzt schon in Sachsen?”,  “Wieso sind denn hier nur Rentner auf der Straße?” (es war vormittags ) oder auf der Zugfahrt zum Schiffshebewerk Niederfinow:  “Hä? Leben hier keine Menschen? Hier gibt es ja gar keine Straßen?” (das war die Brandenburger Natur…)

Dies vielleicht für heute… ich setze fort und werde beizeiten auch meine Lösungsversuche beschreiben…

das ist nicht lustig, aber heut muss es mal raus und ich schreib alles klein, weil ich mich heute genauso fühle: klein…

aus gesprächen der lehrerin mit schülerinnen und schülern

1. schüler (13): dürfen die beim jobcenter eigentlich erfahren, dass wir im kosovo zwei häuser gebaut haben? (familie mit 5 kindern, die hier von hartzIV lebt, vater arbeitet schwarz auf dem bau)

2. auf die frage, warum die familie vor 2,5 jahren aus mazedonien nach deutschland gekommen sei, antwortet der schüler: hier kriegt man viel geld für nix

3. schüler (14): mädchen brauchen kein internet, dann chatten die mit jungs, meine schwester darf das nicht. warum? keine ahnung, das ist so. warum ich darf? das ist was anderes (die schwester ist 17)

4. im schulhaus kommt ein schüler (13) mit einem lied auf den lippen die treppe runter: danke deutschland, ich bin pleite, doch dann setze ich 7 kinder in die welt…

frustsituationen mit eltern von schülerinnen und schülern

1. eine mutter neulich auf einer klassenkonferenz, bei der die vulgäre sprache  und das wirklich obszöne gebaren ihres 15-jährigen sohnes gegenüber mitschülern und lehrern thematisiert wurde: ihr lehrers könnt meine sohn alle nicht leiden und sagt, er ist terrorist, zu hause ganz lieb und außerdem pubertät, ist normal…

2. ein vater, der gerade mit seiner ganzen familie eingebürgert worden war, zur sozialpädagogin der schule: entschuldigen sie, ich gebe ihnen nicht die hand, denn sie sind eine frau und ich bin ein moslem

3. an der schule wird 3x wöchentlich ein kostenloser deutschkurs mit zertifikat für schülereltern angeboten, die hartzIV beziehen, fahrgeld wird erstattet, kinder werden betreut, zudem kann der teilnehmer während der kursphase nicht zum 1-euro-job verpflichtet werden: interesse bei den eltern trotz elternbrief in verschiedenen herkunftssprachen, persönlichem ansprechen vor allem der mütter, die seit 20 jahren hier leben und trotzdem kein wort deutsch sprechen und verstehen, geht gegen null, keine zeit, keine lust, keine antwort

Geburt oder Mathe?

27. Januar 2009

Nun hab ich hier groß etwas angekündigt und dann geht und geht es nicht los… So ist es aber manchmal: Da blubbern die Tage ereignislos und nicht erwähnenswert dahin und dann überschlagen sich die Ereignisse plötzlich wieder… Nach ein paar wirklich unschönen Tagen mit spätpubertierenden Schülern, die gerade zum Thema Familie – Liebe – Sexualität bespielt werden, darf ich nun wieder etwas heiterer gestimmt folgendes Episödchen zum Besten geben:

Wir hatten mit den Schülerinnnen und Schülern zwei BBC-Dokumentationen zu den Themen Pubertät und Geburt geschaut, wobei eine Schülerin, die im Brainstorming zu Beginn der Epoche vor allem an letzterem brennend interessiert zu sein schien, gerade an diesen Tagen krank war. Heute nun fragten wir sie, ob sie einen der beiden Filme in einer anderen Klasse anschauen möchte, wenn wir sie dafür vom Mathematikunterricht befreien würden. Wohlgemerkt sollte sie sich zwischen den beiden Filmen entscheiden, die zeitgleich in zwei Parallelklassen gezeigt werden sollten.

Darauf ihre Antwort: “Also wenn ich mich zwischen Mathe und Geburt entscheiden soll, nehm ich lieber die Geburt…”Lakonischer Kommentar meiner Kollegin und zweifachen Mutter: “Möglicherweise wirst du in ein paar Jahren dann doch die Mathematik bevorzugen…”

Soweit für heute.

Hauptschule von innen

18. Januar 2009

Hier kannst du in Zukunft den Alltag an einer Berliner Hauptschule miterleben. Die Berichterstattung in den Medien beschränkt sich m.E. zu sehr auf die Darstellung von Extremen, z.B. wenn grad mal wieder ein Lehrerkollegium einen Brandbrief geschrieben hat, ein jugendlicher Intensivtäter seine Pädagogen verprügelt oder diverse Politiker sich in Zeiten des Wahlkampfes dem Thema widmen. Nun, da es beschlossene Sache zu sein scheint, dass die Hauptschule in Berlin als eigenständige Schulform abgewickelt, d.h. umbenannt oder umstrukturiert, wird – ja, alle müssen sparen ;-) – möchte ich, die ich seit vielen Jahren die Hauptschule berufsbedingt live erlebe und mitgestalte, meine alltäglichen Erlebnisse bloggen, also gewissermaßen von innen berichten und kommentieren.

Ich erlebe neben dem alltäglichen Wahnsinn, bei dem einem das Lachen tatsächlich im Halse stecken bleibt, auch heitere Momente, gelegentlich Erfüllung und eben auf jeden Fall eine Fülle an belustigenden, ulkigen, komischen und seltsamen Situationen, die ich hier zum Besten geben möchte. Dabei möchte ich mich nicht über Unterschichts- und Migrantenprobleme lustig machen oder Ursachenforschung betreiben, sondern einfach Beobachtungen beschreiben. Ich glaube, dass niemand, der nicht live den Schulmief der Hauptschule in einem sog. Brennpunktbezirk schnuppert, sich wirklich vorstellen kann, wie Schule in Deutschland eben auch so funktioniert.

Morgen geht es los…

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